9 Feb 2008
Komfortabstand
Neulich unterhielt sich eine Kundin mit mir und kam dazu bis auf wenige Zentimeter ran, da sie eine gepflegte Erscheinung war, möchte ich an dieser Stelle auch nicht meckern. Es gehen einem dabei allerdings einige Dinge durch den Kopf: Gut, dass ich nicht mehr 20 bin und erstaunlich, dass der Deutsche Komfortabstand nicht international gültig ist. Deshalb hier einige Worte zu anderen Begrüßungs- und anderen Ritualen.
Betritt in Deutschland eine zweite Person den Fahrstuhl, so finden beide schnell durch Versuch und Irrtum heraus, dass der Maximalabstand zweier Punkte in einem Rechteck die Diagonale ist. Die selbe Situation in einem Großraumfahrstuhl in einem mediteranen Land und man hat Sorge, dass durch einseitige Belastung gegebenenfalls der Fahrstuhl blockiert
.
Nun raten an dieser Stelle ganz viele kulturelle Trainer, Coaches, Berater, usw. zu intensivem kulturellen Training und warnen vor diversen Fauxpas. Herhalten muss zum hunderttausendsten Male die Visitenkarte in Japan, die eben nicht wie im Skatspiel auf den Tisch gedonnert wird. Kaum übergibt man die Visitenkarte falsch, schon ist der sicher geglaubte Deal geplatzt. Will uns die Trainings- und Beratungsindustrie weiß machen.
Ich rate zu Sensibilität und Offenheit gegenüber anderen Kulturen sowie einem guten Schuss Selbstvertrauen. Meinem Gegenüber ist doch auch klar, dass ich aus einer anderen Kultur komme, deshalb wird er meine Unkenntnis nicht mit Verachtung strafen. Meist wirkt sich das eher positiv aus. Nehmen wir als Beispiel eine funktionale Eskalation: Ein Deutscher Fachmann reist nach Österreich und lässt den Titel des Gegenübers weg. Meiner Erfahrung nach wird jetzt im stillen Kämmerlein über den ungebildeten Deutschen (an sich) gescherzt und der Druck aus dem Projekt ist nicht mehr im Fokus. Wenn der Fachmann nun gute Arbeit leistet, ist alles wieder im Lot.
Damit möchte ich nicht zur Ignoranz gegenüber anderen Kulturen aufrufen. Ein guter Kompromiss ist auf dem Flug die entsprechenden Kapitel in einem Reiseführer zu lesen bzw. Wikipedia und Wikitravel als Offline-Version mitzuführen. Dort finden sich auch tolle Small Talk Einstiegsfragen, wie “Hat ihre Stadt wirklich 13 Millionen Einwohner? Beeindruckend!”. Den Rest an interkultureller Kompetenz kann nun vor Ort gelernt werden. Es geht los im Taxi: “Wie begrüßen Sie sich einander?” und so weiter und so fort.
Sensibilität ist wichtig um Fettnäpfchen zu vermeiden. Am besten immer in der Mitte der Schlage stehen und schauen, was die anderen machen. Gegen verstärkte Unbehaglichkeit hilft viel Fragen. Die eigenen Kollegen werden einem sicher gut um Fauxpas herumleiten.
Auch möchte ich interkulturelle Trainings nicht verdammen. Schließlich habe ich auch welche besucht
Jedoch müssen diese sich rechnen, wie alle anderen Trainings auch. Für einen einmaligen Besuch im Mittelmeerraum lohnt es sich nicht, zur Unterstützung einer zweijährigen Abordnung ist ein Training dringend anzuraten.
Erstaunlicherweise ergeben lassen sich einige Probleme auch durch falsch verstandene kulturelle Anpassungen. Ich wundere mich immer über (für Deutsche Ohren) extrem rüde im Befehlston formulierte Anfragen von asiatischen Kollegen und Geschäftparnern. Die ja unter Ihresgleichen – so habe ich es auf meinem asiatischen Training gelernt – sehr indirekt und vorsichtig formulieren. Die militärische Ansprache hätte ihre Ursache in interkulturellen Tarinings, sagte eine asiatische Beraterin. Die Asiaten lernen, dass wir Deutschen sehr Direkt formulieren.
Offenheit bedeutet hier locker bleiben. Das fällt einem nach dem 30-sten Mal schwer, aber das ist eben der Frohn interkultureller Arbeit

Hi Werner,
ich kann Deinem Artikel nur zustimmen. Das Wichtigste ist für mich zu wissen, dass es kulturelle Unterschiede gibt und wenn man dann, wie Du geschrieben hast sensibel, offen mit seinem Gegenüber umgeht ist das schon ok.
Allerdings halte ich interkulturelle Kurse für sehr angebracht, wenn man mit den Leuten (vor allem in Asien (China/Indien/Japan)) hauptsächlich per Telefon kommuniziert. Hier kann es schon häufiger zu kulturell bedingten Missverständnissen kommen. Hier ist dringend, wenn möglich, ein initiales Face-To-Face Treffen angesagt.
Viele Grüße aus Aachen,
Jörn
Jörn Bollmeyer
Februar 12th, 2008 at 00:16permalink