13 Aug 2008

Psycho II

von Werner

Die folgende Geschichte ist reine Fiktion, jede Ähnlichkeit mit lebenden oder nicht-lebenden Personen wäre rein zufällig.

Mein Seminar “Gruppenprozesse II” in Berlin, hier ist mein Bericht: Das Seminar wird von einem Psycho-Soziologen geleitet, 10 Teilnehmer aus sämtlichen Provinzen Deutschlands und von den unterschiedlichsten Professionen und ich der einzige IT-Mensch. Wir einigen uns auf wollsockiges Duzen, also nennen wir einen den Seminarleiter ab nun Klaus.

Klaus versucht die Teilnehmer ständig zu provozieren, schlechte Beispiele fangen grundsätzlich mit: “Teilnehmer X, macht in seiner Gruppe gerade dies und das falsch” an. Sequentiell arbeitet sich Klaus ab. Klaus ist auf der Suche nach einem Opfer, nur das weiß sein Opfer zu dem Zeitpunkt noch nicht. Begeben wir uns nun hinein in das Geschehen vor Ort kurz bevor Klaus den Rubikon überschreitet:

Klaus stellte ein tolles Konzept für den Umgang mit Teilnehmern und Gruppen vor, deren emotionale Ebene sagen wir “aus dem Lot” ist.

Ich: “Hört sich nett an, kann ich bestimmt auch auf einzelne Personen anwenden, aber wie wende ich das an, wenn z.B. 30% der Leute aus dem Fenster gucken?”

Klaus: “Wenn bei Dir 30% der Teilnehmer aus dem Fenster gucken, stimmt doch schon vorher etwas nicht, dann hast Du eventuell zu wenig von Dir in das Seminar eingebracht!”

Ich: “Nun, dass was Du uns vorgestellt hast, soll ich doch jetzt wo die Situation nun mal da ist anwenden, wie machst Du das genau?”

Klaus erklärt das Konzept ohne Konkret zu werden noch einmal von Neuem.

Ich: “Ja, hatte ich schon verstanden, welchen Satz würdest Du hier konkret sagen, mach mal bitte ein Beispiel!”

Klaus: “Wenn 30% der Teilnehmer unterfordert sind, dann ist aber dringend ein Methodenwechsel angesagt, und das war Thema von Gruppenprozesse I und dass muss ich hier voraussetzen!”

Anmerkung der Redaktion, das Psycho-Emotionale Konzept hatte aber auch gar nichts mit Methoden zu tun.

Ich: “Ich sehe schon wir reden aneinander vorbei und ich ziehe die Frage zurück!”

Klaus: “Nein, nein, nein, das bekommen wir hier geklärt! Nun sag mal, meinst Du nicht auch, dass es ein Stück weit an Dir liegt, wenn Deine Teilnehmer immer aus dem Fenster gucken?”

Ich: “War doch nur ein Beispiel, bei mir schläft für gewöhnlich keiner ein. Ich wollte aber gerne Dein Konzept besser verstehen, das war der Hintergrund meiner Frage.”

Klaus: “Glaubst Du denn das es per se schlechtes Verhalten gibt, für das es nur eine Deutung gibt?”

Ich: “Nein, ähm, was hat das jetzt mit?!”

Er zur Gruppe: “Was meint Ihr, ist das noch ein Problem das interessant für alle ist, oder eher etwas was nur Werner und seine Seminare betrifft?”

Ich beschloss meinen Mund nun nur noch für Essensbestellungen einzusetzen. Mein Gedanke war “Solche Typen bekommst du nicht unter Kontrolle”. Vergiss es einfach, die sind dir über.

In der folgenden Stunde wurde ich bestimmt noch 10 Mal direkt, dann indirekt (man stelle sich ein IT Seminar vor) für schlechte Beispiele herangezogen. Anmerkung der Redaktion: Es gab in dem Training kein Praxisteil, der Typ kennt mich nicht und weiß zu Null ob ich eher ein guter oder schlechter Moderator bin.

Diese Aktion ging mir nach dem 10. Male gegen den Strich, das Feld wollte ich nicht kampflos aufgeben, aber wie kommuniziert man mit einem solchen Menschen. Ich beschloss über die Gruppe, also habe ich da wo passend und sicher einige 100% positive Beispiele aus meiner Berufspraxis eingestreut. Nachdem hie und da ein Lob a la “tolle Idee!” von den Teilnehmern kam, ließ er von mir ab. Gefühlt aber erst zu dem Zeitpunkt, wo die Stimmung langsam kippte.

Morgen halte ich einfach meinen Mund. Versprochen! Ja alles toll was Du da machst, super Konzepte! Und überhaupt wenn alle so tolle Moderatoren wären wie Du. Bewundernswert!

Wird Werner seinen Mund halten? Oder geraten wir auf eine soziale Schieflage, lesen Sie weiter:

Das erste Beispiel des Tages war ein problematische IT Gruppe. Okay, das bedeutet: “Alle Mann an die Positionen, Kampfbereitschaft herstellen, beide Diesel, Navigator zu mir!” Das zweite Beispiel war ein guter IT Kurs, egal das nützt dir nichts mehr!

Die letzten Reste akademischen Denkens raus: “Klaus ist erfahren, aber nicht intelligent. Seine Struktur deutet auf zweidimensionales Denken hin.”

Meine Taktik war vollständige Verwirrung. Klaus erklärt Charakter, die Bindungsängste haben, keinerlei Nähe ertragen. Klaus: “Eben typische IT-ler”. Also ich mich in der nächsten Pause fast auf seinen Schoß gesetzt. Seine Augen suchen Halt im Raum.

Klaus macht individuell Annahmen über jeden Teilnehmer. Ich verhalte mich völlig konträr zu den Annahmen, die er über mich trifft. Er beschreibt wie man sich selbst analysiert. Der Test ist schnell durchschaut, soviel weiß ich dann auch noch von Statistik. Bevor es noch losgeht hole ich ihn persönlich dazu, wir füllen den Fragebogen aus und wundern uns. Ich frage ihn wie es zu diesen Ergebnissen kommen kann? Er: “Ja der Test hat hier einige Rahmenbedingungen. Er aber wir können ja durch Beobachtung Dir einen Input geben.” In die Pfanne kann ich mich auch selbst hauen. Ich schnell mit schlechten Beispielen von mir zur Hand. Seine Augen bewegen sich jetzt hektisch.

So Analysephase ist abgeschlossen, es folgt der finale Plan: Es fehlt ihm der Sinn für Abstraktion völlig, kann nicht schnell Kategorien bilden und er bezieht immer alles auf die Menschen gut auf sich und schlecht auf andere. Das ist mein Werkzeug.

Es geht nun um Störer und deren Motivation. Ich bin noch nicht dran. Klaus versucht das innere der anderen an das Tageslicht zu bekommen. Die dazu angewandten Tricks sind simpel gestrickt. Erfahrene Teilnehmer schaffen es darum herum zu navigieren. Klaus scheint zu meinen, Reflexionen sind selbstinvers. Gut das ich Mathematik studiert habe. Ich schalte mich in eine der Beratungen ein, zwei Sätze ein positiver und ein abstrakter reichen, dann beharkt ihn die Gruppe. Klaus. Am Ende er: “Tja, Kommunikation ist ein schweres Thema”.

Nachdem ich schon seit Stunden nicht mehr sein Opfer war, ist nun Silke dran. Sie wehrt sich auf rustikale Art. Klaus lässt nicht ab, aber wir sind kurz vor Feierabend. Heute Abend war er geschafft, sagt er, ich hoffe einen Beitrag dazu geleistet zu haben.

Okay, war nicht nett, aber mein Selbstvertrauen steht wieder. Psychos kann ich zumindest vor mir hertreiben. Sie unter Kontrolle zu bekommen, ist noch ein weiter Weg und will ich das? Wer hat hier eigentlich die größere Macke, ich oder er?

Morgen halte ich meinen Mund, ehrlich.

P.S.: Wenn du einen Schulungsanbieter kennst, der ein Seminar “Wie kommuniziert man als Naturwissenschaftler mit Psychologen” oder ein Lexikon “Pychologen – Deutsch” kennst ich zahle viel Geld dafür. Das macht mich echt nachdenklich.

So letzter Tag. Klaus nimmt sich wieder Silke vor. Die setzt sich weg und man lacht. Klaus zieht hinterher. Klaus und Silke verstricken sich immer wieder in Klaus seine blödsinnigen Attacken. Mir wird das zu langweilig. Ich finde einen guten Einsprungpunkt, solidarisiere mich mit Silke und argumentiere wieder mit Beispiel, Lob und Abstraktion.

Klaus lässt sofort von Silke ab. Ist jetzt nervös, verliert dauernd den Faden. Trotzdem wird das Signal-Rausch-Verhältnis besser und das Seminar wird endlich inhaltlicher. Klaus fängt an in jeden zweiten Satz einzubauen, was er doch für ein Toller ist. Macht nichts, wir lassen ihn.

Das Seminar ist zu Ende, jetzt das Leben in vollen Zügen genießen. Klaus spricht Silke und mich an, ob er uns nicht zum Bahnhof bringen soll. Wir sind ja liebe Menschlein, also lassen wir ihn. Der Regen draußen bestärkt uns in unserer Menschenliebe.

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